|
|
|||||||||||||||
![]() |
||||||||||||||||
|
||||||||||||||||
|
|
#15 |
|
Themenersteller
Registriert seit: 06.03.2015
Ort: Berlin
Beiträge: 4.799
|
Da steht er, der letzte Wächter der Schöpfung, vor dem Apple Shop am Jungfernstieg, und hält die Stellung – bewaffnet mit Pappe, Pathos und Poncho. Während um ihn herum Hamburg im Takt von Lieferdiensten, Selfie-Sticks und Baustellenabsperrungen pulsiert, ruft er zum Widerstand auf: Gegen Genanalyse, Klonen und vermutlich auch gegen das WLAN am Apple Shop vor dem Alsterwasser.
„Gottes Schöpfung zerlegt, verworfen, manipuliert“ – ruft das Schild. Und man möchte fast antworten: „Ja, willkommen in der Innenstadt!“ Zwischen Backstein-Expressionismus des Chiles Hauses einerseits und dem Historismus des Rathauses andererseits plus der pulsierenden Apple-LED-Leuchtreklame ist der Mensch längst zum digitalen Deko-Objekt mutiert. Der Unterschied: Die Stadt hat sich mit der Mutation abgefunden – nur unser Poncho-Prophet nicht. Vielleicht ist es das, was ihn so anrührt: das Gefühl, dass nicht nur die Gene, sondern auch das Stadtbild manipuliert wurden – aufpoliert, durchdesignt, gläsern und glatt wie ein Brain-Computer-Interface. Früher war der Kirchturm das höchste Gebäude, heute ist es der Mobilfunkmast. Der Fortschritt hat die Kathedrale ersetzt – und der Himmel streamt jetzt in 5G. Sein Transparent ist also weniger Warnung als Mahnmal: eine ironische Installation im Freiluftmuseum der Moderne. Zwischen Latte Macchiato und Laternenmast ruft er zur Rückkehr zur „reinen Schöpfung“ – doch selbst sein Regenponcho ist Erdölchemie. Und doch: Wenn man einen Moment das grelle Gelb des Plakats und die Schrillheit der Botschaft beiseite lässt, sieht man da ja jemanden, der in der Kälte steht, im Regen, allein. Und das tut man nicht aus Spaß. Was ihn wahrscheinlich motiviert, ist nicht Hass auf Fortschritt, sondern Angst vor Entfremdung. Er sieht, dass sich die Welt mit rasender Geschwindigkeit verändert – Gene, Körper, Computer, Stadtbilder, Menschenbilder – und er hat das Gefühl, dass irgendwo auf diesem Weg etwas verloren geht: Würde, Seele, Schöpfung, das Maß des Menschen. Er übersetzt diese Angst in große, fast biblische Worte, weil das die Sprache ist, die ihm bleibt, um gehört zu werden. Da steckt auch Ohnmacht drin. Die Stadt rauscht, die Welt digitalisiert sich, und seine Stimme klingt wie ein Echo aus einer Zeit, in der man noch glaubte, dass es so etwas wie einen göttlichen Bauplan gibt. Heute redet niemand mehr von Schöpfung, sondern von Optimierung. Und er steht da – als Mahner, ja, aber auch als jemand, der um Halt ringt. Wenn man ehrlich ist: So ganz unverständlich ist das nicht. Er formuliert es nur anders, lauter, kantiger. Und das ist mein Stadtbild für heute und den Rest der Challenge. → Bild in der Galerie Ich weiß: Die eigentliche Challenge lautet, möglichst spät etwas zu posten, in der irrigen Annahme, man bekäme noch ein besseres Bild später, oder der/die imaginäre Konkurrent/Konkurrentin könne einem was abschauen. Aber gebt euch mal einen Ruck. Das Wetter wird nicht besser, die Motive wachsen nicht plötzlich aus dem Boden. Also was hält euch ab? Da ich weiß, dass ihr die Antwort mangels Mumm oder fehlender Kreativität eh nicht formulieren könnt, gebe ich mal was zur Auswahl: ⁃ Lichtmangel – grauer Himmel, flaches Licht, keine Kontraste – Motivation null. ⁃ Technikversagen – Akku leer, Speicherkarte vergessen, Objektiv beschlagen. ⁃ Zeitdruck – Alltag frisst Kreativität; Termine statt Teleobjektiv. ⁃ Motivationsloch – kreative Flaute, alles wirkt schon tausendmal gesehen. ⁃ Perfektionismus – Angst, dass das Ergebnis nicht „gut genug“ wird. ⁃ Soziale Hemmung – Scheu, fremde Menschen oder öffentliche Szenen zu fotografieren. ⁃ Kälte oder Hitze – Wetter, das nicht nur Equipment, sondern auch Laune einfriert oder schmilzt. ⁃ Inspiration fehlt – Thema spricht nicht an, kein inneres Bild entsteht. ⁃ Selbstzweifel – innere Stimme sagt: „Andere können das besser.“ ⁃ Lebensrealität – einfach zu müde, zu erschöpft oder gedanklich woanders.
__________________
Das Leben ist eine Illusion, hervorgerufen durch Alkoholmangel (Bukowski). Chefexeget an der Rudolf-Steiner Schule Geändert von Kurt Weinmeister (02.11.2025 um 23:54 Uhr) |
|
|
|
| Sponsored Links | |
|
|
|
| Themen-Optionen | |
| Ansicht | |
|
|