Teil II, die Locations
Nach einem langen, trotz Business Class – Liegesitzen, wenig erholsamen, elfstündigen Fluges kamen wir in Tokio an. Es war ein Zeit-, Klima- und Kulturschock! Wir waren am frühen Abend des Vortages gestartet und kamen gegen Mittag des darauffolgenden Tages an – plus sieben Stunden Zeitverschiebung. In Tokio ist zwar auch Sommer (keine Sommerzeit), aber was für einer – seit Wochen Tagestemperaturen von 33 – 35°C und Nachttemperaturen von 25 – 27°C bei hoher Luftfeuchtigkeit – ohne Klimaanlagen läuft gar nichts. Und Japan ist immer noch ein Raucherparadies – auch in Restaurants, Kneipen und öffentlichen Gebäuden darf geraucht werden.
Anders als in anderen großen Weltstädten dominieren in Tokio keine Wolkenkratzer das Stadtzentrum (Erdbebengefahr) sondern viele mittlere Hochhäuser sind weitflächig über verschiedene Business Distrikte verteilt. Wir haben kein einziges Parkhaus gesehen – alles läuft auf Schienen. Gleitzeit scheint es nicht zu geben – die normalen Bürostunden sind von 09:00 bis 18:00 und dann stürmt alles schlagartig von/in die zahlreichen Bahnstationen. Eine bis anderthalb Stunden Bahnfahrt pro Arbeitsweg wird als normal angesehen. Um 19:30 war es dunkel, wir konnten also früh mit der Arbeit beginnen …
Die Tokyo Crew von Dentsu bestehend aus acht Personen einschließlich Art Director, und Fahrer hatte ebenfalls gute Vorarbeit geleistet. Producer und Graphiker hatten Ablauf- und Organisationspläne erstellt und Skizzen gefertigt, die Location- und Account- Manager/in waren tage- und nächtelang damit beschäftigt (in ihren Augen) geeignete Locations zu finden, die Machbarkeit zu prüfen, zu dokumentieren, Absprachen zu treffen und die erforderlichen Genehmigungen einzuholen.
Zu uns stieß außerdem aus der Londoner Niederlassung ein weiterer fließend englischsprachiger Japaner als Kontaktperson, Dolmetscher, Touristguide und Mittler zwischen den Kulturen, der in dieser kurzen Zeit zum Freund wurde.
Danke Masashi!
Am ersten Abend gab’s gleich ein Meeting mit vielen Fragen und einigen Antworten. Sobald es dunkel war fuhr das gesamte Team im Minibus zum Location Check: Sternklarer Himmel, zunehmender Mond und die hellste Lichterglocke über einer Stadt / Landschaft, die ich je gesehen habe. Einiges würden wir über sehr präzise Bildausschnitte und erhöhte Kamerastandorte sowie die manuelle Veränderung der Blende während der Belichtung regeln können aber wir benötigten zusätzlich mobile schwarze Hintergründe und diverse Moltonbahnen zur Abdeckung.
Gutgelaunt und voller Vorfreude besichtigten wir im Teambus die drei vorgesehenen Locations und machten jeweils ein paar Probeaufnahmen:

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1. Yokohama YCC (35° 27’ 22’’ N 139° 42’ 2’’ E)
Das Yokohama Cargo Center auf einer künstlichen Insel, mitten im Hafen von Yokohama ist ein ca. 1 km langes, riesiges fünfstöckiges Park- und Lagerhaus für Lkws, hier die Auffahrtsrampe zum obersten Deck mit Blick über die Yokohama Bay – ca. 40km südwestlich von Tokyo. Hier war die Straßenszene mit den Lkw-Reifen geplant.
Aufnahmen des Scouting Teams bei Tage

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und unsere Testaufnahme bei Nacht

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2. Tokyo Big Sight (35°37’ 47’’ N 139° 47’ 36’’ E)
Tokyo Big Sight ist ein gigantisches, 1996 erbautes Messe- und Kongresscenter und gleichzeitig der Veranstaltungsort der Tokyo Motor Show 2015, hier die befahrbare Dachterasse mit einem phantastischen Blick auf die neuen, durch Landaufschüttung gewonnen Stadtbezirke. Hier war die Performance „Four Wheel“ geplant. Aber dazu mußten noch viele große Strahler abgeschaltet werden. Gleich daneben ist eine hellerleuchtete Bahnstation.
Bei dieser Performance werden uns auch zwei Filmteams von Dentsu und JAMA mit mehreren Kameras beobachten und Making-Of-Videos drehen – Platz war genug da. Dem hatten wir im Vorfelde zugestimmt unter der Bedingung, daß wir jeweils Kopien erhalten.
Aufnahmen des Scouting Teams bei Tage

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und unsere Testaufnahmen bei Nacht

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.. blue hour, Blick nach Südwesten, ganz links am Bildrand der Mount Fuji, ca. 90km entfernt, nur bei sehr guter Sicht von hier zu sehen.

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Blick nach Südwesten mit Mond, gezoomt.

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Das ist genau der gewählte Bildausschnitt für die Performance, aber immer noch viel zu hell.
3. Zojoji Temple (35° 39’ 27’’ N 139° 44’ 52’’ E)
Der buddhistische
Zojoji Tempelbereich mit Ursprüngen aus dem 16.Jahrhundert beherbergt das älteste erhaltene Bauwerk in Tokio und liegt in einer Parkanlage. Er wird bei Tage überragt - und bei Nacht überstrahlt - von dem nur wenige Meter entfernten 333m hohen
Tokyo Tower .
Diese Location war die absolute Härte zumal für den einzig möglichen Kamerastandort noch keine Genehmigung vorlag. Die Mönche durften nicht im Schlaf gestört werden und ab 04:00 früh nicht im Gebet … OM.
Aufnahmen des Scouting Teams

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und unsere Testaufnahmen bei Nacht

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Die Spiegelung ist nicht im Wasser sondern auf poliertem Stein!

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Der einzig praktikable Bildausschnitt für die Performance.

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… aber wir hatten dort viele kleine, schweigsame Beobachter.
Lageplan

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Fortsetzung folgt
mfg / jolini