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Startseite » Forenübersicht » Treffpunkt » Café d`Image » Digitalkameras sind heutzutage zu perfekt – sie langweilen mich als Amateur
 
 
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Alt 18.06.2026, 21:59   #1
turboengine
 
 
Registriert seit: 30.01.2006
Ort: Schaue auf Zürich
Beiträge: 9.346
Digitalkameras sind heutzutage zu perfekt – sie langweilen mich als Amateur

Sinnkrise
Neulich habe ich mit meiner Nikon Z9 ein Rugby-Bundesligaspiel fotografiert.
Genauer gesagt im Rahmen unseres Jahrestreffens des Forums in München. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an Michael für die Organisation und die Möglichkeit, einmal etwas völlig anderes als die üblichen Motive vor die Linse zu bekommen.
Danach kam ich mit rund 3.000 Bildern nach Hause.
Vor zehn Jahren hätte man mich dafür beneidet. Heute löst diese Zahl bei mir vor allem eines aus: leichte Verzweiflung. Insbesondere da ich festestelle, dass die Kamera besser ist als ich. Die Kosten für diese 3.000 Bilder? Praktisch null. Eine 1-GB-Speicherkarte hätte früher ein kleines Vermögen gekostet. Heute steckt eine 1-TB-Karte in der Kamera, und ich merke nicht einmal, wenn ich den Auslöser etwas zu großzügig betätige. Die Kamera kann 30 Bilder pro Sekunde. Wenn man nicht aufpasst, fotografiert man eher Videosequenzen als Einzelbilder.
Und dann beginnt die eigentliche Arbeit: Sichten. Löschen. Vergleichen. Noch einmal vergleichen. Den minimal schärferen Treffer auswählen. Den Moment mit dem einen Zentimeter besseren Ballkontakt finden.Ich muss mich regelrecht dazu überwinden.
Die Bilder werde ich demnächst natürlich noch im Forum zeigen. Schließlich hatte ich nicht nur die Z9 dabei, sondern auch ein 2,8/400-mm-Teleobjektiv.

Eine Woche später war ich auf unserem weltweiten Abteilungstreffen auf Sardinien. Mein Chef ging – wie immer – selbstverständlich davon aus, dass ich eine kleine Fotoreportage erstellen würde.
„Du hast doch eine richtige Kamera dabei.“ Ein Satz, den viele Hobbyfotografen kennen und fürchte dürften. Also wieder hunderte Bilder. Wieder Auswahl. Wieder Nachbearbeitung. Wieder Arbeit.
Irgendwann wurde mir klar: Das eigentliche Fotografieren macht mir immer noch Spaß. Das Drumherum zunehmend weniger.

Die Flucht nach vorne
Meine persönliche Reaktion auf fotografische Frustration folgt einem bewährten Muster:
Ich kaufe Kameras.

Ich gönne mir dann gelegentlich ein fotografisches „Gegengift“. Und dieses Gegengift bestand diese Woche aus gleich zwei Kameras, die man objektiv betrachtet kaum noch jemandem empfehlen würde:
Eine Rollei 35 Classic und eine Rollei 3003.

Die Rollei 35 Classic ist eigentlich schon in ihrer Grundidee absurd. Ein Made-in-Germany-Revival einer Kamera aus den 1960er Jahren, gebaut in den 1990ern, zu einer Zeit, als Autofokus und moderne Spiegelreflexkameras längst Standard waren.

Und die Rollei 3003? Die Rollei 3003 ist vermutlich die overengineerste Kamera, die jemals in Deutschland gebaut wurde. Ein technisches Meisterwerk. Und gleichzeitig konzeptionell hoffnungslos rückständig. Eine Kamera mit Wechselmagazinen und mit einem Preischild für das man sich fünf japanische Kameras gleichzeitig und den Hals hängen konnte.

Vor mir liegen heute auf dem Tisch auf der Terrasse: eine Rollei 3003 mit Zeiss Planar 1,4/50 und eine Nikon F5 mit AF-Nikkor 1.4/50. Die F5 ist für mich die beste analoge Spiegelreflexkamera, die jemals gebaut wurde. Ihr Autofokus ist selbst heute noch erstaunlich brauchbar. Die Ergonomie stimmt. Solide wie ein Panzer und Wechselsucher. Die Belichtungsmessung funktioniert. Die Kamera steht einem nicht im Weg. Eigentlich ist sie schon fast zu perfekt - als Zeigenossin der Rollei 3003.

Und genau deshalb habe ich die Rollei gekauft: M.E. die sinnloseste Kamera der Welt

Die Rollei 3003 besitzt einen Sucher, der sich anfühlt wie ein kleines Fernrohr.

Alternativ kann man einen Lichtschacht verwenden.

Sie fokussiert ausschließlich manuell.

Der Motor schafft gerade einmal drei Bilder pro Sekunde.

Die Elektronik gilt als sensibel.

Ersatzteile sind selten und es gibt immer weniger Serviecestellen, die reparieren können. eigentlich nur noch drei, vier weltweit. Eine davon hat als einzigen Mitarbeiter einen 88-jährigen.

Objektiv betrachtet spricht kaum etwas für diese Kamera. Und genau das macht ihren Reiz aus.

Wenn ich mit der Rollei fotografiere, fotografiere ich tatsächlich wieder.

Nicht die Kamera. Nicht der Autofokus. Nicht die Serienbildfunktion. Nicht die künstliche Intelligenz.

Ich.

Jedes Bild kostet Geld.

Jedes Bild verlangt eine Entscheidung.

Jedes Bild ist ein kleines Risiko.

Und plötzlich macht mir das wieder Freude.

Ein Ausflug an den Zürichsee

Die Geschichte wird noch etwas romantischer.

Die Kamera stammt aus einem Fotogeschäft in Wädenswil am Zürichsee.

https://www.ricardo.ch/de/a/1317652010

Vor dem Verkauf wurde sie von Otto Baumgartner geprüft – einer Legende unter den Rollei-Mechanikern. Mit fast neunzig Jahren repariert er noch immer analoge Kameras und hält damit ein Stück deutscher Kamerageschichte am Leben.

https://www.tagesanzeiger.ch/kameram...s-156982368649

Also setzte ich mich auf den Raddampfer, fuhr nach Wädenswil, holte die Kamera ab und fuhr anschließend weiter über den Zürichsee nach Rapperswil.

Dort fotografierte ich die ersten Filme.

Während die moderne Fotowelt über KI-Entrauschen, Augenautofokus für Vögel und 120 Bilder pro Sekunde diskutiert, stand ich mit einer über vierzig Jahre alten deutschen Kamera am Seeufer und auf dem Steg und freute mich darüber, dass überhaupt alles funktionierte.

Es fühlte sich fast ein wenig romantisch an.


Die letzte Verteidigung gegen die Perfektion?


Vielleicht steckt dahinter eine fotografische Sinnkrise.

Vielleicht auch nur eine Midlife-Crisis für Fotografen.

Aber ich stelle fest, dass mich technische Perfektion zunehmend weniger interessiert.

Meine Nikon Z9 ist objektiv die bessere Kamera.

In praktisch jeder Disziplin.

Sie ist schneller.

Präziser.

Zuverlässiger.

Effizienter.

Und trotzdem freue ich mich derzeit deutlich mehr auf den nächsten Film in der Rollei 3003 als auf die nächsten 3.000 Bilder aus der Z9.

Vielleicht liegt genau darin die Ironie der modernen Fotografie:

Wir haben Kameras entwickelt, die fast nichts mehr falsch machen.

Und dabei manchmal vergessen, dass gerade das Unperfekte einen großen Teil des Vergnügens ausmacht.

Die Nikon F5 und die Rollei 3003 waren die Kameras meiner Jugendträume.

Damals unerreichbar.

Heute stehen sie vor mir auf dem Schreibtisch.

Und ausgerechnet die technisch schlechteste von beiden erinnert mich gerade daran, warum ich überhaupt angefangen habe zu fotografieren.

Epilog
Aber genug gejammert - am Wochenende ringe ich dazu durch die
Rugby-Fotos auszusortieren. Bei der Rollei muss der Film erst zur Drogerie - puh.
__________________
Viele Grüße, Klaus

Geändert von turboengine (18.06.2026 um 22:37 Uhr)
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