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Startseite » Forenübersicht » Kreativbereich » Foto-Monatsthema » Monatsthema September 2021: "Die Geschichte hinter dem Bild" (Bilder und Geschichten)
 
 
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Alt 13.09.2021, 22:06   #12
Noringer
 
 
Registriert seit: 17.03.2013
Ort: Nürnberg
Beiträge: 87

Bild in der Galerie

Ein flaues Bild, das nicht einmal beim besten Willen als Ansichtskarte durchgehen kann? Was soll das?
Nun, um diese Frage zu beantworten, muss ich weit in der Zeit zurückgehen, genau 50 Jahre. Ich war damals gerade volljährig geworden und wollte einfach ohne festes Ziel per Inter-Rail Frankreich erkunden. Meine erste Anlaufstation war Paris, das ich mir zwei Wochen lang erwanderte. Von dort aus wollte ich entscheiden, wohin die weitere Reise gehen soll. Ich erwanderte mir die Stadt zwei Wochen lang und hatte danach die Nase gestrichen voll von der Sommerhitze, den Abgasen und dem Häusermeer. Aber wohin sollte ich vor all dem flüchten? Da kam mir der Zufall zuhilfe. Mein kleines, billiges Hotel lag genau neben dem Gare de l’Est (Ostbahnhof), in dem sich ein kleiner Zeitschriftenkiosk mit ein paar deutschsprachigen Zeitungen befand. Beim Stöbern fiel mir ein Buchständer mit deutschsprachigen Büchern auf, unter denen ein Buch meine besondere Aufmerksamkeit erregte: Kurt Tucholskys „Ein Pyrenäenbuch“. In ihm beschreibt Tucholsky, auf seine unnachahmliche Art, seine Reise durch die französischen Pyrenäen, die ihn 1927 vom Atlantik bis zum Mittelmeer führte.
Dieses Buch brachte in mir etwas zum Klingen – ich musste in die Pyrenäen. Also ab zum Gare d’Austerlitz, hinein in den Schnellzug nach Toulouse und von dort mit dem Nahverkehrszug weiter bis zur Endstation La Tour de Carol. Pyrenäen, La Tour de Carol, Cerdagne, Andorra. Schon allein diese Namen bargen etwas Geheimnisvolles, zogen mich magisch an.
Es stellte sich heraus, dass ich die richtige Standortwahl getroffen hatte, denn der Bahnhof La Tour de Carol – Enveigt (zwei Ortschaften mit zusammen 4500 Einwohnern) war der Grenzbahnhof nach Spanien, ein Verkehrsknotenpunkt im Gebirge. Von ihm aus konnte ich in jede beliebige Richtung meine Ausflüge starten. Es gab Zugverbindungen nach Perpignan und Barcelona, einen Nachtzug nach Paris und eine Buslinie nach Andorra. Also ideal für meine Bedürfnisse.
Der geneigte Leser mag sich fragen: Viele Worte, aber was ist denn nun mit dem Foto? Kerl, komm endlich zum Punkt!
Gemach, noch zwei Sätze und wir sind mittendrin. Ich wollte ein Gefühl dafür erzeugen, was mir die Pyrenäen bedeuten, was meine Seele zum Klingen bringt und was mir später (überspitzt formuliert) den „Schock meines Lebens“ bescherte.
Ich nahm nach ein paar Tagen den Bus nach Andorra, ein altes Gefährt, das seine besten Tage in Deutschland verbracht haben musste, denn überall waren noch die deutschen Hinweis- und Verbotsschilder angebracht: „Nicht hinauslehnen“, „Nicht mit dem Fahrer sprechen“, usw. Nun denn, der Bus und ich kamen glücklich in Andorra an, nach einer Fahrt über schmale und kurvige Straßen und zwei Pässen, die das Transportmittel gerade noch so bewältigte.
In der Hauptstadt Andorra la Vella suchte ich mir ein billiges Hotel und stöberte als Erstes in den Land- und Wanderkarten, was es denn Sehenswertes gäbe. Dabei fiel mir auf, dass es ganz in der Nähe eine Kirche in einer Schlucht gab, die sehr interessant erschien. Als ich nach relativ kurzem Fußmarsch dort ankam, wurden meine Erwartungen noch weit übertroffen. Dieses Gesamtensemble aus romanischer Steinbogenbrücke, der kleinen Kirche am Grunde der Schlucht, der Heiligengrotte in der Felswand neben der Straße und dem durch sein enges Bett tosenden Fluss zog mich in seinen Bann.
Und damit sind wir bei dem Foto und meinem Einstieg in die Fotografie. Um eine dauerhafte Erinnerung an dieses Erlebnis zu haben kaufte ich gleich am nächsten Tag (zoll- und steuerfrei) meinen ersten Fotoapparat, eine Minolta Himatic 7s und einen Farbnegativfilm. Die Ergebnisse meiner fotografischen Bemühungen waren allerdings alles andere als berauschend, denn ich hatte von Fotografie gerade so viel Ahnung, dass ich wusste: „Hinten sieht man rein und vorne kommt ein Vögelchen heraus.“ Aber immerhin, der Einstieg in die Fotografie war geschafft. Außerdem hatte mich das „Pyrenäenvirus“ gepackt.
Ich war in den nächsten Jahren (Jahrzehnten) immer wieder mal auf Urlaub in den Pyrenäen an unterschiedlichen Orten, aber versäumte nie „meiner“ Kirche und „meiner“ Schlucht einen Besuch abzustatten.
Doch wie heißt es so schön: „Der Frust lauert überall und schlägt irgendwann zu“. So auch hier. In unserem ersten gemeinsamen Urlaub in den Pyrenäen wollte ich meiner damaligen Freundin und jetzigen Ehefrau meinen Lieblingsort in den Pyrenäen zeigen. Wir fuhren also los, doch was war das? Wo war meine Kirche? Wir fuhren doch gerade durch meine Schlucht? Aber wo war dann die Heiligengrotte in der Felswand? Was sollte das ganze Geröll, das das Flussbett, den Hang und die Kirche verschüttete? Es war alles weg oder verschüttet, eine einzige Geröllwüste. Welche Barbaren waren hier am Werk? Ich war ins Mark getroffen und stieß die wildesten Verwünschungen aus: Mögen die Verantwortlichen in der Hölle schmoren!
Wütend packte ich meine mittlerweile angeschaffte Minolta SRT 303 und versuchte von den gleichen Standpunkten wie früher zu fotografieren, um damit den Frevel zu dokumentieren. Und dann kam das, was wohl jeder Fotograf kennt – zwei weitere Autos hielten an, die Leute stiegen aus und fotografierten ebenfalls die Bescherung. Denn wo einer mit einer Spiegelreflex zugange ist, muss es etwas zu sehen geben. Trotz meiner Wut konnte ich mir bei diesem Anblick ein leises mitleidiges Grinsen nicht verkneifen. „Ihr armen Seelen, wenn ihr wüsstet, wie es hier vor ein paar Jahren noch ausgesehen hat.“
Ok, die Vernunft gewann die Oberhand, denn es gab ja gute Gründe für diese Straßenbauarbeiten: Die Bevölkerung Andorras war in den letzten Jahrzehnten stark gewachsen. Von 5500 zu Tucholskys Zeiten auf jetzt 75000. Diese Straße war die einzige Verbindung zu den anderen beiden Haupttälern und dem entsprechend viel Verkehr. Sie war gefährlich, weil die alte Straße durch ein nicht einsehbar kurviges Tunnel führte.
Das waren alles gute Gründe. Aber weshalb musste es ausgerechnet mein Idyll treffen?
Doch es gibt so etwas wie ein Happy End: Meine Frau und ich waren vor ein paar Jahren wieder in Andorra und wir wollten auch wieder die Schlucht besuchen. Dort nahm ich reumütig meine damaligen Verwünschungen zurück, denn die Andorraner hatten bestmöglich die Schäden beseitigt. Die Kirche und der Brunnen wurden wieder freigelegt und restauriert, das Geröll wurde abgeräumt, irgendjemand legte am Wegrand schmale Gemüse- und Blumenbeete an, statt der in den Fels gehauenen Grotte hat der Heilige nun eine, von Bäumen umgebene, gemauerte Grotte neben der Straße. Ja, ich leiste ganz offiziell Abbitte: Sie haben das bestmögliche aus den Gegebenheiten gemacht.
Leider konnte ich damals nur ein paar Fotos schießen, da die Dämmerung schon weit fortgeschritten war und außerdem eine Kaltfront mit Dauerregen drohte.
Diese Fotografie hat noch eine weitere Funktion, sie erinnert mich daran, dass ich kein Bild habe, das diesem Ort gerecht wird (die meisten Dias gingen bei einem Wohnungsbrand verloren) und dass ich immer noch nicht meinen Traum verwirklicht habe, den ich seit 50 Jahren mit mir herumtrage – auf den Spuren Kurt Tucholskys die Pyrenäen zu erkunden.

Vielleicht klappt es ja in zwei Jahren, wenn meine Frau in Rente geht und wir unbeschwert sechs bis acht Wochen am Stück verreisen können.
__________________
"Man sieht nur, was man weiß."

L.G.
Walter

Geändert von Noringer (14.09.2021 um 12:47 Uhr)
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