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Alt 22.12.2008, 21:44   #1
Dat Ei
 
 
Registriert seit: 07.09.2003
Beiträge: 20.037
Statt Weihnachtsgrüße...

Moin, moin,

vor ein paar Tagen gab´s im canikon-Forum im Rahmen eines Adventskalender-Wettbewerbs die Aufgabe, sein persönlich bestes Photo-Erlebnis zu schildern. Über die Jahre haben sich viele kleine Geschichten angesammelt, aber die Geschichte, die mir spontan wieder in den Sinn kam, und die ich dann letztendlich einreichte, fand im November 2006 im Tempel Angkor Wat/Kambodscha statt.

Im Nachhinein kam mir die Idee, daß ich auch mit Euch gerne die Geschichte teilen und Euch diese statt Weihnachtsgrüßen erzählen möchte. Für mich als Ex-Kirchenmitglied hat Weihnachten eine andere Bedeutung als die Christen unter Euch. Weihnachten heißt für mich Abschalten von der täglichen Hektik des Jahres und insbesondere der Vorweihnachtszeit, ein bißchen Rückbesinnung und ganz besonders Zusammenkunft mit der Familie und seinen Lieben. Es ist für mich daher eher religionsübergreifend. Und da schließt sich ein wenig der Kreis mit dem Bild und seiner Geschichte. Los geht´s...



Eines meiner ergreifensten Photoerlebnisse erlebte ich in Kambodscha. Es war am ersten Tag unserer Kambodscha-Reise, einem Montagnachmittag kurz nach unserer Ankunft, als wir uns zum ersten Mal in den Archäologischen Park aufmachten. Nach dem Kauf des Wochentickets fuhren wir gleich zur "Hauptattraktion", dem Tempel Angkor Wat. Wie wir im Verlauf unserer Reise lernten, war es eigentlich keine gute Idee, nachmittags diesen Tempel zu besuchen, weil zu der Uhrzeit hunderte Busse mit tausenden Besuchern, in der Mehrheit Kurzzeit-Touristen, diesen Punkt ansteuerten und förmlich überfluteten. Das Treiben erinnerte eher an Disneyland, denn an einen heiligen Ort für Hinduisten und Bhuddisten. Man konnte kaum eine Aufnahme machen, ohne daß man gerempelt wurde oder jemand in den Bildausschnitt lief. Ich hatte eigentlich nach wenigen Minuten so einen dicken Hals, daß ich am liebsten auf der Stelle abgereist wäre.

Um ein wenig runterzukommen, verdrückte ich mich ein wenig in die Seitenflügel des äußersten Mauerrings. In den dunklen Nischen standen überall Bhudda-, Shiva- und Vishnu-Skulpturen, um die Lotus, Kerzen und Räucherstäbchen platziert waren. In einigen saßen auch Nonnen (weiße Kluft mit kahl rasiertem Schädel), die von Gläubigen umgeben waren und gegen die Bezahlung von 1US$ mit ihnen beteten. Genau in einer dieser Nischen sah ich dann eine sehr alte Nonne, die einen sehr abwesenden und zugleich leidenden Eindruck machte - sie war wohl nicht wirklich glücklich, ob des hektischen Treibens, ihrer eigenen Position und des immer wieder als Ausstellungsstück abgelichtet Werdens. Irgendwie faszinierte mich aber die stoische Ruhe, die sie vermittelte, auch wenn da sicherlich viel Traurigkeit, aber auch Abscheu mitschwang. Aus sicherer Entfernung wollte ich ein paar Aufnahmen von ihr machen und schraubte mein 70-200mm vor die Kamera.

Nach ein paar Aufnahmen entdeckte sie mich - einen Moment lang fühlte ich mich peinlich ertappt. Ich nahm kurz die Kamera runter, lächelte sie an und wies mit der Hand und leicht gesenktem Kopf auf die Kamera, um meinen Respekt zu zollen, aber auch non-verbal nach ihrer Zustimmung zu fragen. Sie nickte kurz. Ich machte noch ein paar wenige Aufnahmen und ging zu ihr rüber. Ich ging neben ihr in die Hocke, um mit ihr auf Augenhöhe zu sein - viel zu viele Touris bleiben aufrecht stehen und behandeln die Leute förmlich von oben herab. Das gehört sich nicht - das hatte ich schon auf diversen Asien- und Fern-Reisen gelernt. Ich legte wie üblich 1US$ in ihre aufgestellte Schale, drückte den Wiedergabeknopf meiner Kamera und zeigte ihr die Aufnahmen von ihr auf dem Display. Und dann passierte es: schlagartig verschwand die Distanz zwischen Photograph und "Opfer", denn sie begann angesichts ihrer Bilder zu lachen, freute sich dermaßen, daß sie jemand mal als etwas mehr als ein Motiv oder photographisches Beiwerk wahrnahm, schloß mich in ihre Arme und strich mir mit ihrer alten, knochigen Hand zart über die Wange. Diese Nähe und Herzlichkeit überwand sämtliche Sprachbarrieren, den Alters- und auch Kulturunterschied - das war einfach Menschlichkeit in purer Reinform, direkt vom Herzen. Für mich einfach unvergesslich...




-> Bild in der Galerie



Also besinnt Euch Eurer Mitmenschen und Eurer eigenen Menschlichkeit

Dat Ei
__________________


"Wer mit Euch ist, ist nicht ganz bei sich."
Dat Ei ist offline   Mit Zitat antworten
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Alt 22.12.2008, 21:55   #2
primihengst
 
 
Registriert seit: 07.01.2004
Ort: Wiesbaden
Beiträge: 495
Lieber Frank,

danke für deine bewegende Geschichte.
Weihnachtlicher kann ein Erlebnis meiner bescheidenen Meinung nach kaum sein.
__________________
"Zeit ist ein Gesicht auf dem Wasser."

Sebastian
primihengst ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 22.12.2008, 21:56   #3
brandyhh
 
 
Registriert seit: 02.04.2008
Ort: Hamburg
Beiträge: 4.442
Ein wunderschönes, eindringliches Portrait und eine ebensolche Geschichte.
Danke!

Gruß Heike
brandyhh ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 22.12.2008, 22:20   #4
*mb*
 
 
Registriert seit: 22.04.2006
Beiträge: 4.494
Auch von mir ein Dankeschön für Beides, das Bild und den bewegenden Bericht über die Begleitumstände bei der Entstehung des Bildes!

Und natürlich wünsche ich Dir auch schöne und erholsame Weihnachtsfeiertage!
*mb* ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 22.12.2008, 22:31   #5
Gordonshumway71
 
 
Registriert seit: 03.09.2005
Beiträge: 6.784
Hallo Frank,

das ist eine tolle Geschichte, die beweist, was man erleben kann, wenn man die eingetretenen Pfande verlässt.
Danke für die Geschichte. Ich wünsche Dir und auch Deiner Familie ein frohes Weihnachtsfest.

viele Grüße

Frank
Gordonshumway71 ist offline   Mit Zitat antworten
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Alt 22.12.2008, 22:32   #6
joki
 
 
Registriert seit: 25.11.2003
Beiträge: 6.800
Eine wahre Weihnachtsgeschichte! - schnieff.
__________________

joki ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 22.12.2008, 22:43   #7
Allgaier123
 
 
Registriert seit: 20.09.2003
Beiträge: 1.893
Hi Frank,
ein wunderschönes Erlebnis das Du bestimmt nicht so schnell vergessen wirst.
Diese Art von Nähe, Fotograf - "Opfer", konnte ich schon oft selbst erleben, und auch ich lernte sehr schnell dass nur die Nähe zum Motiv das mindeste an Respekt ist das man den Menschen gegenüber zeigen kann

Ein fröhliches und besinnliches Weihnachtsfest wünsche ich Dir und Deine Familie.
Allgaier123 ist offline   Mit Zitat antworten
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