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Ich bin Theaterwissenschaftler, habe viele Jahre als eine Art Kritiker gearbeitet und viel mit Theaterschauspielern und -fotografen zu tun gehabt. Außerdem bin ich Amateurfotograf. So habe ich eine vielschichtige Sicht auf dieses Bild. Ich möchte beschreiben, wie es mir beim Betrachten des Fotos erging.
Als Fotograf gefällt mir das "Dreieck", das durch Blicke gebildet wird: Die vertikalen Linien in Oberons Kostüm führen mich hoch zu seinem Gesicht. Oberons Blick zu Puck bildet die zweite Linie des Dreiecks, und Puck nun wiederum schaut mich direkt an. Ich werde Teil der Verschwörung. Das zieht mich ins Bild hinein und ermöglciht seine Lebendigkeit.
Mein zweiter Blick auf das Bild: Oberon bildet die einzig halbwegs ruhige Fläche im ganzen Bild durch seine Breite, die sehr ähnlichen Farben und die beruhigenden Linien. Die abgeschnittene Krone stört mich. Mehr als der abgeschnittene Arm, da sich Körper und Gesicht in die andere Richtung drehen, in der die Action stattfindet. Der Hintergrund ist extrem unruhig, scheint auch ohne jegliche Tiefe zu sein. Liegt das am verwendeten Objektiv, oder war das Bühnenbild so wenig nach hinten gehend? Auch Pucks Kostüm ist extrem unruhig, vor allem vor diesem Hintergrund. Umso mehr geht mein Blick zu den Augen, was aus fotografischer Sicht richtig ist.
Fazit des Fotografen: Kein perfektes Bild, aber eines, das fast das Beste aus dem macht, was es abbildet. Meine Vermutung: Es wäre mit mehr Abstand zur Bühne noch besser geworden.
Und nun der Blick des Theaterwissenschaftlers: Der "Sommernachtstraum" wird überwiegend als romantische Komödie interpretiert, märchenhaft, flirrend, wie eben ein Traum. In diesem Bild aber, in dieser Sekunde, ist der Sommernachtstraum eher ein Alptraum: Das Gesicht des Puck wirkt wie ein Skelettschädel mit riesig aufgerissenen, geröteten Augen und weiß schimmernden Zähnen, die Grausamkeit regelrecht ausspeien. Ich fühlte mich an den Clown in "Es" erinnert. Auch der leicht zottelig wirkende Oberon strahlt Brutalität aus mit seinem leicht verächtlich wirkenden Grinsen. Hier stehen zwei beieinander, die Lust am Quälen haben. Mich schauderte.
Im ersten Moment hielt ich daher das Bild für misslungen. Dann wurde mir klar, dass es nicht das Foto, sondern die Aufführungsinterpretation ist (wie gesagt, in exakt diesem Moment!), welche meinen Widerwillen erregte. Ich wollte nicht weg von meiner eher "romantisch" vorgeprägten Interpretation dieses Stückes. Schließlich merkte ich aber, dass ich das Stück zuletzt vor mehreren Jahrzehnten gesehen habe und die Welt heute eine andere ist: #Metoo und die Willkür von Mächtigen sind ebenso in ihr wie Trump'scher Größenwahn und die dahintersteckende Menschenverachtung oder die Entfremdung von der Natur.
Die Doppelbödigkeit des Stückes mit der "realen" und der märchenhaften Ebene, die Verwechslungsverwirrungen der Paare, das Spiel der Oberen mit den Unteren ist nicht einfach nur Komödie - wie immer bei Shakespeare. "Fair ist foul/And foul is fair", diese eigentlich unübersetzbare Zeile aus "Macbeth", gilt auch für den "Sommernachtstraum". Diese "Komödie" zeigt Machtmissbrauch, Sadismus, die Benutzung von Menschen zum eigenen Amusement. Es ist ein Stück von heute.
Eine Menge Gedanken für ein einziges Foto. Vielleicht interessiert dich das alles auch gar nicht, lieber Roland. Aber ich wäre stolz, würde mir jemand sagen, er habe über mein Foto so lange nachgedacht und sei dabei auf eine neue Erkenntnis gestossen.
Viele Grüße
Mainecoon
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Zur Demokratie gibt es keine Alternative.
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