Jessye Norman... Eine der größten Sopranistinnen der Opernwelt ist tot.
Man höre sich nur diesen Ausschnitt aus Purcells
Dido and Aeneas an, die
Klage der Dido. Oder Isoldes
Liebestod. Wo andere große Sopranistinnen beim Ausbruch des Orchesters gegen Ende der Arie mit Macht dagegen ansingen, bezwang Norman es mit der Majestät ihrer weichen Wärme.
Sie begab sich voll in ihre Gefühle, ließ sie aus sich herausströmen und den Zuhörer umhüllen wie einen flauschig-warmen Mantel. Sicherlich hatte ihre musikalische Herkunft aus dem Gospel viel damit zu tun. Ich bin immer skeptisch, wenn sich Opernsänger aus ihrem Metier herausbegeben in andere Musikrichtungen, weil mir dann ihre Stimmen oftmals zu massiv, zu überladen für das andere Genre erscheinen. Die Norman aber konnte alles singen: Oper, Lieder,
Jazz, Musical. Man höre sich die kleine, verängstigte Stimme an in der Interpretation von Barbra Streisands
Papa, can you hear me? aus
Yentl. Klug hält sie die Stimme zurück, versucht gar nicht erst zu brillieren - und tut es genau deswegen doch mit ihrer genau kontrollierten Stimme voller Schmerz, Angst und Verzweiflung. Für mich gab es nur eine Oper, die sie nicht singen konnte: Bizets
Carmen. Dafür war ihre Stimme einfach zu edel. [Man achte auf den Beginn des Videos, als sie dem Dirigenten Ozawa sagt, wie er eine Phrase dirigieren soll...!] Und was macht sie? Kreiert eine
jazzige Fassung, die sofort in den Unterleib geht, weil sie vor Erotik nur so sprüht.
Es gibt viele, viele SängerInnen, die versuchen, ihre kleine Stimme groß zu machen, doch es bleibt nur Talmi. Sie beherrschte die Kunst, ihre große Stimme zu komprimieren zu einem stimmlichen Diamanten: reiner Ausdruck, reine Schönheit, reines Gefühl. Sie hatte keine Stimme, sie
war Stimme. R.I.P.
Mainecoon