[Danke für die Vorschusslorbeeren und die Korrektur!]
Die ersten Wunden entstanden schon in den 1870er Jahren, als die Industrielle Revolution ihren Aufschwung nahm. Mittlerweile werden im Rheinischen Braunkohlerevier rund 40 Millionen Tonnen Braunkohle jährlich im Tagebau gefördert: im Nordrevier, das als Garzweiler I bekannt wurde; dem Mittleren Revier bei Frechen, wo ab der 1950er Jahre die ersten Dörfer verschwanden; im Westrevier Inden I und II und schließlich, zwischen den anderen Revieren, um Hambach herum, dessen Forst Schauplatz mittlerweile blutiger Auseinandersetzungen zwischen Aktivisten und RWE-Mitarbeitern ist.
Die Nerven liegen auf beiden Seiten blank. Daher auch der wütende Zuruf, gerade als ich zu Dana und Vera aufschließen wollte, um einen dieser gigantischen Schaufelradbagger bei Garzweiler I aus der „Nähe“ zu fotografieren. Dabei hatten wir vergeblich extra geschaut, ob es Verbotsschilder gab. Die lagen weiter entfernt in den Boden gestampft, nicht sichtbar dort, wo wir von der Straße abgewichen waren. Bevor ich den Rufer erreichen und mit ihm reden konnte, war er weggefahren.
„220 Meter lang, 96 Meter hoch und 13.500 Tonnen schwer ist ein Schaufelradbagger im Tagebau Hambach. Die Grube: 370 Meter tief, 43 Quadratkilometer groß. Acht Schaufelradbagger sind hier im Dienst, rund um die Uhr. 110 Kilometer beträgt die Gesamtlänge der Förderbänder, die hier die Kohle transportieren, 40 Millionen Tonnen im Jahr, wie es beim Energieunternehmen RWE heißt.“(1)
Und das ist nur Hambach. In Garzweiler I scheint die Verwüstung der Landschaft erst am Horizont zu enden – oder mit dem Braunkohlekraftwerk in Niederaußem.
Der Blick über das Abbaugebiet löst sehr widersprüchliche Gefühle in mir aus. Dem Naturfreund blutet das Herz, doch auch in der Zerstörung offenbart sich eine gewisse Schönheit. Da ist das Farbspiel der verschiedenen Schichten im wechselnden Licht:
Die Harmonie der Gleichmäßigkeit, mit der sich die Schaufelräder tiefer und tiefer durch die Flöze gearbeitet haben:
die weißen Dampfschwaden des Braunkohlekraftwerks Niederaußem, die mit den Wolken am Himmel konkurrieren und gewinnen.

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Kohlekraftwerk
Einmal, als die Sonne schon recht tief steht, sieht es aus, als läge die fein abgestufte Schwarz-Braun-Beige-Elfenbein-Farbpalette eines Malers vor uns.

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"Farbpalette"
Später am Tag, bei einem der Aussichtspunkte am Hambacher Revier, findet dieser Zwiespalt sein passendes Motiv. Ein Holzsteg führt zu Metallschirmen und
-liegestühlen, die dazu einladen, den Sonnenuntergang über dem Abbaugebiet zu betrachten – als sei man am Timmendorfer Strand.
40 Dörfer mussten von 1953 bis 2014 dem Tagebau weichen, zehn weitere sollen noch folgen (2). Ob es so kommen wird, ist aber unsicher geworden, seit zum einen die Bundesregierung den Ausstieg u.a. aus der Kohleförderung bis 2050 ins Auge gefasst hat (3) und zum anderen die fast aufgelassenen Dörfer plötzlich als interessante Möglichkeit zur Unterbringung von Flüchtlingen angesehen werden (4).
Wir wollten nach Immerath, urkundlich erstmals 1144 erwähnt, 1970 von 1537 Menschen bewohnt, 2013 noch von 40. Seit 2006 wird dort umgesiedelt, 2013 begannen die Abrissarbeiten, 2017 soll auch dort Braunkohle abgebaut werden (5). Etwa einen Kilometer vor dem Ortsrand steht ein Schild an der Straße, das die Situation des Ortes erklärt, auf einem Plakat an der Garage eines der ersten Häuser heißt es „Verraten. Verkauft. Vergessen“.
Bewusst vermeiden wir die wenigen Straßen, in denen offensichtlich noch jemand wohnt. Kommt uns jemand entgegen, trägt er meist wie wir eine Kamera in der Hand. Auch Urbexer sind unterwegs, die tatsächlich in den Garten eines Hauses einsteigen. Wenn keine Kamera zu sehen ist, so gestehen wir uns später im Auto, kommt sofort die Anspannung hoch, ob es ein wütender Einwohner ist, der es satt hat, dass seine Heimat als Touristenattraktion dient.

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Immerath Ausflugswegweiser
Alle Fensterläden in der Straße sind geschlossen, die Ausbesserungen auf der Straße werden wohl nie beendet werden. Selbst Häuser, die höchstens zehn Jahre alt sind, stehen leer. Auf dem Spielplatz gegenüber dem Kindergarten ist es still.
Der „Dom von Immerath“, eine neuromanische Basilika mit zwei Türmen, wurde 2013 säkularisiert. Aus einem der Fenster sind Steine heraus gefallen, auf den Stufen zur Kirche wächst großflächig Moos.

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"Dom" zu Immerath
Manche der roten Ziegelhäuser erinnern mich an meinen Heimatort am Rande des Ruhrgebiets, der ganze Stolz ihrer Besitzer. Waren auch in Immenrath Menschen, die sich buchstäblich ihr Eigentum unterm Hintern wegbaggern werden müssen?
An der Tür des verlassenen Friseurladens wirbt ein Aufkleber: „Wenn’s um Haut und Haar geht – frag den Friseur“. Doch auch er wusste hier keine Antwort.

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Friseurladenaufkleber
Die Raiffeisenbank hat 2012 geschlossen. Kopf und Kragen wollte man dann doch nicht riskieren für die Bequemlichkeit der verbliebenen Einwohner. Zurück blieb ein Dorf ohne Zukunft.

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Raiffeisenbank

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Immerath Fenster
Anmerkungen:
RWE hat einen Flyer veröffentlicht mit den Wegbeschreibungen zu allen Plätzen, von denen aus man eine Blick über die Abbaugebiete werfen kann: „Wegweiser zu den Aussichtspunkten“
http://www.rwe.com/web/cms/mediablob.../Wegweiser.pdf
(1) Zitierter Abschnitt aus: „Dieses kleine Stück Wald – Der Kampf um den Hambacher Forst“, Artikel von Martin Kaul, taz; gelesen am 8.2.2016 unter
http://taz.de/Der-Kampf-um-den-Hamba...orst/!5272012/
(2) Nachgezählt auf der Karte des Braunkohlereviers im Wikipedia-Eintrag „Rheinisches Braunkohlerevier“, gelesen am 3.2.2016 unter
https://de.wikipedia.org/wiki/Rheini...aunkohlerevier
(3) u.a. Rede von Bundesumweltministerin Dr. Barbara Hendricks vor dem Deutschen Bundestag am 12.11.2015 unter
http://www.bmub.bund.de/presse/reden...hen-bundestag/
(4) „Neues Deutschland – Wo Flüchtlinge wohnen“, Artikel von Niklas Maak, FAZ.net, gelesen am 3.2.2016 unter
http://www.faz.net/aktuell/feuilleto...-14043394.html
(5) Wikipediaeintrag zu Immerath (Erkelenz), gelesen am 3.2.2016 unter
https://de.wikipedia.org/wiki/Immerath_(Erkelenz)
Es grüßt und dankt für die Aufmerksamkeit
Mainecoon