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Alt 23.07.2014, 10:25   #35
Dat Ei
 
 
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Moin, moin,

Zitat:
Zitat von jqsch Beitrag anzeigen
Der Fotograf muss das erstmal sehen, er muss den Zusammenhang zwischen dem Kunden am Geldautomaten und dem Bettler herstellen...
m.E. ist die Sache in Städten rund um den Globus noch viel perfider. Der Fotograf muss den Zusammenhang zwischen Geldautomat und Bettler nicht herstellen, weil er sehr oft bereits durch die Bettler hergestellt wird und somit gegeben ist. Formen des organisierten Bettelns oder des Bettelns als Lebenskonzepts findet man leider immer häufiger - nicht nur in Deutschland, nicht nur in Europa, nein selbst in der zweiten und dritten Welt. Dieser Umstand führt dazu, dass es zwei sehr orthogonale Lesarten für das Bild gibt: für die einen ist es der Beleg für die Inhumanität des Kapitalismus, für die anderen der Beleg für die Optimierung eines unredlichen Geschäftsprozesses durch intensive Massage der Tränendrüsen.

Meine Erfahrungen in Schwellenländer und Dritte-Weltländer sagt mir, dass wahre Armut selten plakativ ist und erst recht nicht ästhetischen Konzepten folgt. Mich schüttelt es jedes Mal, wenn ich (Kalender-)Bilder von Spendenorganisationen sehe, die uns Armut in Hochglanz mit strahlenden oder todtraurigen Kindergesichtern nahe bringen wollen. Das führt nur zu einem Photoshop-Wettrüsten mit sämtlichen digitalen Werkzeugen, um uns überhaupt noch zu erreichen, zu berühren und uns zu Spenden zu bewegen. Auch das ist Armut, wenn auch menschliche.

Ich mag nicht abschließend beurteilen, wie hier der konkrete Fall gelagert ist, aber innerlich tendiere ich eher zu der Auffassung, dass es sich hier um ein Geschäftsmodell handelt. Und im gleichen Moment, in dem ich den Satz formuliere, spüre ich, welches Unrecht die Profi-Bettlern den wahren Armen antun.


Dat Ei
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