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Alt 28.05.2013, 09:50   #15
Dat Ei

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Moin, moin,

ich glaube, dass das Wichtigste in der Situation ist, problemadäquat zu handeln. D.h. für mich, die Umstände, aber auch das Wesen der Katze zu berücksichtigen.

Als mir an einem Novemberabend 1991 Schnute zugelaufen war, war dies in einem sehr verkehrsreichen Kölner Viertel. Die Katze war sehr verängstigt, hatte kaum was auf den Rippen und nur ein sehr dünnes Fell, das ein klares Zeichen dafür war, dass diese Katze kein Freigänger oder Streuner war. Nachdem sie damals mehrfach in Panik und orientierungslos quer über die vielbefahrene Straße lief, nahm ich sie mit heim. In den folgenden zwei Wochen haben wir Zettel im Viertel ausgehangen und jede Vermisstenanzeige sorgfältig studiert. Nachdem sich der Besitzer nicht ausfindig machen ließ, haben wir für knapp 14 1/2 Jahre die Verantwortung für Schnute getragen. Das haben wir erst recht während ihres letzten, halben Lebensjahres getan, in dem so manch anderer Zeitgenosse die Katze einfach eingeschläfert hätte. Und so manches Mal hängen mir noch die Bilder der Nacht vom 5. auf den 6.April 2006 nach, in der wir angesichts des nunmehr apathischen Eindrucks Schnutes beschlossen, dass nun der Zeitpunkt gekommen sei, auch die schwerste Verantwortung für ein Lebewesen zu tragen, die man sich vorstellen kann. Die Worte des Tierarztes, dass unsere Entscheidung und der Zeitpunkt richtig seien und "schon die halbe Seele aus der Katze wären" sind auch heute noch nur ein sehr schwacher Trost.
Die 14 1/2 Jahre waren eine tolle Zeit, auch wenn sie für uns mit einigen Entbehrungen und Sorgen einhergingen. Oft genug haben wir auf Lisas Ängstlichkeit und Panik vor Ortswechseln Rücksicht genommen und auf Urlaube und Reisen verzichtet - wir wollten und konnten die Schwiegermutter ja auch nicht jedes Jahr in die Münchner Wohnung zum Katzenhüten zwangseinladen.

So sehr ich das Leben mit einem Stubentiger genossen habe und seit 2006 auch immer wieder mal vermisse, so sehr liebe ich nun auch den Freiraum, Herr der eigenen Zeit- und Urlaubsplanung zu sein. Aktuell gehen in Hellas Haus drei Katzen regelmäßig ein und aus. Zwei davon sind Bruder und Schwester, gehören den Nachbarn und sind von Natur aus richtige Schisser. Das hat Monate gedauert, bis sie Vertrauen gefasst haben und nicht beim leisesten Mucks davon gerannt sind. Die Dritte ist m.E. eine Streunerin, die auch bei dickstem Regen und tiefsten Temperaturen unterwegs ist. Zum Winter hin bekommt sie ein dickes Fell und wird dick und rund, was ihr den Rufnamen "Helmut" einbrachte. Sie bleibt auch schon mal über Nacht. Es gibt Phasen, da sieht man alle drei auch schon mal für einige Tage, ja Wochen nicht. In der Münchner Wohnung in ruhiger, nahezu ländlicher Stadtrandlage kam mich in den letzten Monaten sehr sporadisch eine prachtvolle, langhaarige, weiße Katze besuchen - ein bildhübsches Tier. Aber auch mit mir praktizierte ich das Konzept der "offenen Tür", weil der Fellzustand klar verriet, dass auch sie größtenteils, wenn nicht sogar vollkommen, im Freien lebt.

Aber zurück zu Füchschen - ihr Verhalten lässt darauf schließen, dass sie Menschen, aber auch viel Freilauf gewohnt ist. Eine Katze, die schnurstracks in fremde Wohnungen geht und mitten durch den Raum läuft, hat Selbstbewußtsein. Schisser und unsichere Katzen gehen an der Wand lang. Die Aktion mit dem Balkon zeigt auch, dass sie sich im Freien orientieren und geplant bewegen kann. Die Art, wie sie mit Menschen kommuniziert und interagiert, zeigt wiederum, dass sie auch häusliches Leben kennt.

Nachdem sie heute Nacht in der Wohnung geblieben ist und es sich auf meiner Bettdecke bequem gemacht hatte, setzte sie sich heute Morgen nach ein paar Minuten vor die Balkontür und maulte. Ich öffnete die Tür, sie ging auf´s Garagendach und genoss dort noch eine 1/4h die morgendliche Sonne. Und dann ist sie ihrer Wege gegangen...

Ich bin sicher, man sieht sich.


Dat Ei
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"Wer mit Euch ist, ist nicht ganz bei sich."
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