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turboengine 14.09.2021 15:53

Zitat:

Zitat von steve.hatton (Beitrag 2215125)
Die Terminologie ist bisweilen schon eigenartig: Der Planet stirbt, die Erde retten etc.

Diese romantische Emotionalisierung oder Verklärung der Natur ist moralisch aufgeladen und entzieht sich jeder rationalen Betrachtung. Aus diesen Begrifflichkeiten spricht die Sehnsucht nach einfachen Lösungen, einer heilen, einfachen Welt, Hang zu unterkomplexen Erklärungsmustern und letztendlich Realitätsverweigerung.

Leider zieht dieser sprachliche Kitsch auch bei der Wissenschaft Einzug. Ich bekomme immer mehr Texte auf den Tisch, wo zunächst ein Bekenntnisabsatz als Einleitung dient. So wie der Katholik automatisch beim Betreten der Kirche vor dem Bekreuzigen seinen Finger ins Weihwasserbecken tunkt. Schwierig.

chri$ti@n 15.09.2021 16:06

Vielleicht können wir uns vom Reiten auf Begriffen wieder verabschieden und wenden uns einfach Zahlen zu.

Für mich kommt der Strom eben nicht aus der Steckdose und daher interessiert mich brennend, woraus die Energie wirklich umgewandelt wird (und zukünftig werden wird):
  • Der aktuelle Strombedarf in Deutschland pro Jahr: 545 TWh pro Jahr (Quelle)
  • Die Deutschen fahren offensichtlich 644,8 Milliarden Kilometer pro Jahr mit dem PKW (Quelle).
    Das macht bei 83 Mio Einwohnern etwa 7.800 km pro Einwohner und Jahr, das klingt für mich realistisch.
  • Ein sparsames Elektroauto verbraucht aktuell mindestens 16 kWh/100 km (Quelle).

Würde man sämtliche aktuelle Personen-Mobilität auf Elektromobilität umwandeln:
  • benötigte man "zusätzlich" (ich nehme an, der aktuelle Anteil der E-Mobilität in km/Jahr ist noch vernachlässigbar) 644,8E+9 km * 16kWH/100km = 96.720.000.000 kWH = 97 TWh.
    Mit Verlusten hier und dort und da sind das wohl locker 150 TWh.

Deutschland hat mit den Ausstiegen aus Atomstrom, Braunkohle und Steinkohle eine akuelle Lücke von fast 200 TWh zu stopfen. Wenn man Gase als fossile Energieträger noch dazu nähme, dann wären es weitere ca. 100 TWh (Quelle)

Ich habe keine Ahnung, wie hoch (in Deutschland!) der Strombedarf für das Raffinieren/Transportieren/... der Treibstoffe ist, denn diesen Anteil müsste man wieder abziehen. Ich vermute, dass dieser Anteil bei diesen Zahlen zu vernachlässigen ist.

Lücken und Bedarf in Deutschland:
  • Bis Ende 2022 ist eine Lücke von etwa 60 TWh (Atomausstieg) zu schließen.
  • Bis 2038 (Kohle, oder doch 2035?) sind etwa 130 TWh zu schließen.
  • Und das alles gleichzeitig mit den zusätzlichen 150TWh(?) für die Elektromobilität?

Und hier habe ich vorerst mal nur akkumuliert und Kraftwerke, die 7x24 konstante Leistung liefern können mit Energieträgern verglichen, die aufgrund von Flauten, Nächten und Wintern eben nicht konstant liefern können.

Außerdem habe ich nicht berücksichtigt, dass das Verbrennen von Öl und Gas zum Heizen von Gebäude und Wasser ebensowenig zukunftsorientiert ist und zunehmend von Heizungen abgelöst wird, die nicht direkt CO2 ausstoßen oder dieser Ausstoß zumindest theoretisch neutralisiert wird (Holz). 2020 wurden offensichtlich mehr als 4 mal so viele Öl-Heizungen installiert als z.B. Wärmepumpen (Quelle).

Für mich passt das in Summe so nicht zusammen und ich bin schon gespannt, wohin die Reise wirklich geht.

Ich würde mich freuen wenn jemand die von mir berechneten Zahlen prüft und ggfs. bestätigt oder dementiert!

frame 15.09.2021 16:28

Zitat:

Zitat von chri$ti@n (Beitrag 2215266)
  • Der aktuelle Strombedarf in Deutschland pro Jahr: 545 TWh pro Jahr (Quelle)
  • benötigte man "zusätzlich" (ich nehme an, der aktuelle Anteil der E-Mobilität in km/Jahr ist noch vernachlässigbar) 644,8E+9 km * 16kWH/100km = 96.720.000.000 kWH = 97 TWh.
    Mit Verlusten hier und dort und da sind das wohl locker 150 TWh.

ah, my kind of guy. Ich rechne auch gerne solche Sachen aus :roll:

In Bezug auf den zusätzlichen Bedarf bei Elektroautos bin ich auf eine ähnliche Grössenordnung gekommen, wobei das ja nur PKW sind - der ganze Nutzfahrzeug-Bereich ist da raus, aber auch noch sehr wenig elektrisch heute.

Ein einziger kleiner Fehler fällt mir auf - der Strombedarf entspricht nicht der Stromproduktionskapazität. Es gibt ja Anlagen die nur bei Bedarf zugeschaltet werden, Wasser und Gas hauptsächlich denke ich. Da könnte noch etwas Reserve sein.

Aber ich bin kein Spezialist, andere können sicher mehr zu der Rechnung sagen.

turboengine 16.09.2021 10:53

Zitat:

Zitat von chri$ti@n (Beitrag 2215266)
Deutschland hat mit den Ausstiegen aus Atomstrom, Braunkohle und Steinkohle eine akuelle Lücke von fast 200 TWh zu stopfen.

Bei Strom kannst Du getrost die Rechnerei auf nationaler Ebene vergessen. Das ist eine schöne akademische Übung, bringt aber nichts, da wir ein Europäisches Verbundnetz haben.

In ganz Europa gehen momentan die Strompreise durch die Decke, da allgemein eine Knappheitssituation angenommen wird. Die Gas- und Kohlepreise sind hoch. Da diese die gesicherte Leistung stellen, sind sie nach wie vor preisbestimmend - insbesondere im Winter. Der "European Green Deal" von Frau von der Leyen richtet hier riesigen Schaden an, da er auf Wunschdenken basierenden Zahlen beruht und der Market das weiss.

In Spanien zieht die Regierung schon die Reissleine, und greift in den Strommarkt ein indem sie Preise für Endverbraucher diktiert.
https://www.derstandard.at/story/200...strompreis-ein

Zitat:

Die Unternehmen könnten "es sich leisten, und wir werden es an die Verbraucher weiterleiten", kündigte Premier Pedro Sánchez an. "Wir müssen alle solidarisch sein und uns alle anstrengen", sagte er. Sánchez verspricht verstärkt erneuerbare Energien zu fördern.
Das ist nun das Endstadium des Sterbens des Strommarkts und der Beginn eines interventionistischen Irrsinns der zu riesigen Kosten und Versorgungsknappheit führen wird.

Zitat:

Da in den letzten Monaten die Wasserkraftwerke die Stauseen so gut wie leer laufen ließen, um mit billigem Strom aus Wasserkraft Extragewinne zu erzielen, soll jetzt das Wassergesetz geändert werden. Mindeststände für Stauseen sowie maximale Abflussmengen werden festgeschrieben.
Die Stauseen laufen jeden Sommer in Spanien leer, da viel Strom für Klimaanlagen gebraucht wird und es im Winter mehr regnet.

Wenn die Regierung nun die Stromproduktion verbietet (Stauseen dürfen nicht leer werden) geht man mit vollen Seen in den Winter. Ziel erreicht, die bösen Stromversorger haben kein Geld verdient? Weit gefehlt, der Strom kommt dann von Öl, Gas und Kohle - oder man schaltet Verbraucher aus.

Das ist ein typisches Beispiel populistischer Politik. Wie sollen Preise sinken können, wenn ich das Angebot per Dekret verknappe?

Derselbe Schwachsinn wie die "Mietpreisbremse" oder Erdogans Zinspolitik.

Gepard 16.09.2021 15:22

Ganz unsinnig ist die Rechnerei nicht. Denn den Strom den wir nicht selbst produzieren und importieren, müssen wir ja bezahlen. Das wird schön teuer werden.
Dazu kommt die Frage, ob wir dauerhaft wirklich soviel Strom importieren können.
Denn die Länder werden ja erstmal sich selbst versorgen, und wenn da keine Kapazitäten über sind, wird nichts exportiert.
So kommen wir zu einer Verwaltung des Mangels. Dann werden, wie ich schon mal schrieb, eben Bereiche abgeschaltet.

raul 16.09.2021 16:53

Zitat:

Zitat von Gepard (Beitrag 2215387)
Denn den Strom den wir nicht selbst produzieren und importieren, müssen wir ja bezahlen.

Und Strom den wir in Zeiten produzieren, wenn ihn kein anderer haben will, müssen wir auch bezahlen, damit man ihn uns abnimmt. Ein weiterer Fall von sog. "stupid german money".

Gruß,
raul

turboengine 16.09.2021 19:40

Zitat:

Zitat von raul (Beitrag 2215399)
Und Strom den wir in Zeiten produzieren, wenn ihn kein anderer haben will

Das stimmt auffallend.
Wenn man Politiker hört, ist alles in Butter, dann Deutschland ist ja "Nettoexporteur".
https://de.statista.com/statistik/da...and-seit-1990/

Aber wohin geht der Strom?

https://de.statista.com/statistik/da...nach-laendern/

Nach Österreich, Schweiz, Polen (und von dort meist via Tschechien nach Österreich) und Tschechien (von dort auch meist nach Österreich)

Warum das? Die Schweiz und Österreich nehmen den Deutschen den überflüssigen Windstrom ab und pumpen damit Wasser die Berge hinauf. Der Strom ist billig. Gleichzeitig verkauft die Schweiz und Österreich viel Strom nach Italien, wo tendenziell Erzeugungskapazität fehlt. Je mehr Strom Erneuerbare bei geringer Nachfrage produzieren, desto geringer fällt der Strompreis aus (Kannibalisierung).

Betrachtet man nämlich den Deutschen Handelssaldo in Strom nicht in TWh, sondern in Euro, ist der Saldo schon seit geraumer Zeit negativ. Es wird billiger Strom exportiert und teurer Strom importiert.

Trotzdem ist das System wegen des Deutschen EEG und des fehlenden Netzausbaus mittlerweile derartig aus dem Gleichgewicht, dass auch im stromreichen Österreich Knappheit herrscht (bzw. Knappheit an günstigem Strom). Daher laufen in Österreich Gaskraftwerke und auch in der Schweiz werden welche gebaut werden müssen.

Zitat:

Die APG <Österreichischer Netzbetreiber> konnte die Situation nur dank zahlreicher Notmaßnahmen meistern. „Wir haben ein massives Problem. Wir stabilisieren aktuell das Stromsystem indem wir Gaskraftwerke in Österreich hochfahren. Das ist so, als hätten wir ein modernes E-Auto und müssten einen Benzinmotor einbauen, der uns beim Fahren unterstützt.
https://www.apg.at/de/Media-Center/P...e%20am%20Limit

Das System ist durch politische Fehleingriffe derartig pervers ineffizient geworden dass die hohen Strompreise für Industrie und Verbraucher eine logische Konsequenz davon sind.

turboengine 16.09.2021 19:44

Hier lassen sich die Stromflüsse live ansehen und auch das "importierte CO2" wird berücksichtigt.
https://www.electricitymap.org/map
Wenn man auf das jeweilige Land klickt, sieht man den Erzeugungsmix und auch Importe und Exporte.

raul 16.09.2021 20:12

Zitat:

Zitat von turboengine (Beitrag 2215419)
Hier lassen sich die Stromflüsse live ansehen...

Den kannte ich noch nicht, spannender Link und auch noch Open Source!:top:

Gruß,
raul

steve.hatton 16.09.2021 22:30

GUte Seite, danke.

Auf den Orkneys ist`s aber auch einfach - WIndstille gib´s dort wirklich nie.


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