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-   -   Bedrückender Artikel, Brief eines Vaters an seine Tochter (https://www.sonyuserforum.de/forum/showthread.php?t=111541)

Berlinspotter 09.12.2011 17:53

14.00 oder 15.00 Uhr. Meist sind es 7h, manchmal auch 8h am Tag. Ist schon heftig. Und Hausaufgaben übers Wochenende von Freitag auf Montag. Sowas kenne ich gar nicht.

SteffDA 09.12.2011 18:01

Zitat:

Zusätzlich zur Schule steht da noch zweimal pro Woche die Musikschule an, dann ist er in einem von der Schule veranstalteten Golflehrgang der über die nächsten zwei Jahre sicherlich noch andauert. Zusätzlich spielt er Nachmittags einmal die Woche in der Schulmannschaft auch noch Volleyball, jeden Tag eine halbe Stunde Schlagzeug üben, also so wirklich viel Zeit zum spielen wie ich das früher hatte, hat der jedenfalls nicht mehr.
Sorry, aber das ist Freizeit und spielen!

Ob so durchorganisierte Freizeit sinnvoll ist, darüber kann man sicher streiten. Aber dann wenig Zeit zum Spielen (außerhalb der organisierten Freizeit) der Schule anzulasten, halte ich für etwas unverschämt. Da sollten sich die (oft genug überengagierten) Eltern doch fragen, ob sie das wollen oder ihr Kind.

Grüße
Steffen

hpike 09.12.2011 18:15

Zitat:

Zitat von Crimson (Beitrag 1259722)
Seit wann kann man die Schule für Außerschulisches verantwortlich machen?

Hab ich das gemacht? ich glaube nicht. Mir persönlich, jetzt mal ganz unabhägig von Schule, Golf und was sonst noch, sind die Kinder heute viel zu stark belastet und natürlich sind daran manchmal auch die Eltern schuld. Ich finde allerdings das ist eher ein gesellschaftliches Problem und die Ursachen für den Stress den manche Kids heute haben sind sehr vielfältig. Ich glaube auch nicht das sich heute viele Kids beschweren sie hätten zu viel zu tun, wieso auch, sie kennen es doch nicht anders. Die Frage die ich mir stelle ist, ob das was da manchmal heute so abgeht, noch richtig ist. Ich glaube nicht das dies so ist und mir tun viele Kids heute leid.

Bei meinem Neffen ist es so, das er auch noch täglich mit dem Bus in die Stadt fahren muss und da der Bus alle 500m hält, braucht der für die 12km in die Stadt ne kleine Ewigkeit. Mittags die gleiche Strecke zurück, so das er keinen Nachmittag vor 14:15 zu Hause ist. Fallen dann noch irgendwelche zusätzlichen Veranstaltungen in der Schule statt, wirds auch regelmäßig 16Uhr. Dann noch Hausaufgaben, da bleibt nicht mehr sehr viel Zeit.

BeHo 09.12.2011 18:22

Zitat:

Zitat von SteffDA (Beitrag 1259740)
Sorry, aber das ist Freizeit und spielen!

Ob so durchorganisierte Freizeit sinnvoll ist, darüber kann man sicher streiten. [...] Da sollten sich die (oft genug überengagierten) Eltern doch fragen, ob sie das wollen oder ihr Kind.

Neben der Kritik an G8 geht es in dem Artikel in Briefform ja genau um das. Die Kombination aus längeren Schultagen und dem "Erwerb von Zusatzqualifikationen", um eine möglichst gute Ausgangsbasis für den Start ins Berufsleben zu schaffen, ist das, was der Autor anprangert. Es ist eine Kritik an der Auffassung mancher, die Kindheitszeit mit möglichst viel Berufsvorbereitung auszufüllen, und ein Aufruf dazu, Zeit auch "unnütz verplempern" zu dürfen.

amateur 09.12.2011 18:49

Zitat:

Zitat von BeHo (Beitrag 1259748)
Es ist eine Kritik an der Auffassung mancher, die Kindheitszeit mit möglichst viel Berufsvorbereitung auszufüllen, und ein Aufruf dazu, Zeit auch "unnütz verplempern" zu dürfen.

Dann soll er doch seine Tochter genau davor bewahren. Hier ist Gelassenheit angesagt. Eltern, die schon nervös werden, wenn das Kind im Kindergarten nicht die optimale Förderung für den späteren Erwerb von Chinesischkenntnissen erfährt, werden leider immer mehr. Der Autor kann doch hier genau seiner Tochter vor solchen Auswüchsen schützen. Der heutige Schulbetrieb mag vielleicht anspruchsvoller als der in der Kindheit des Autors sein, er lässt aber immer noch viele Freiräume zu, so man denn diese nicht noch mit weiteren Aktivitäten ausfüllt.

Stephan

TONI_B 09.12.2011 19:16

Als Lehrer und Vater von 4 Kindern (10,14, 24, 26) kenne ich beide Seiten nur zu gut!

Die Belastung in der Schule ist gestiegen - keine Frage. ABER speziell in Österreich durch eine sog. "Schülerentlastungsnovelle" (Zwei Stunden pro Woche weniger = Ersparnis bei den Lehrergehältern! :roll:).

Die Hauptbelastung (im Vergleich zu früheren Jahren) kommt aber mMn durch die "Freizeit": was gab es vor 20-30 Jahren? Vielleicht ging man in einen(!) Sportverein oder in die Musikschule.

Was ist jetzt?

Jeder geht in den Sportverein, in die Musikschule usw. und vor allem gibt es Internet, SMS, Facebook, Computerspiele usw.

Ich mache regelmäßig Umfragen bei meinen Schülern wie viel Zeit sie im Internet (zB. Facebook) verbringen. Nahezu alle haben mehr Zeit dafür als für die Schule. Und genau die sagen dann, sie hätten keine "Freizeit".

Diese Problem ist kein eindimensionales und schon gar kein Problem der Schule allein. Von uns wird gefordert, dass die Kinder sofort nach der Matura (Abitur) perfekt ausgebildet sind. Und die (Arbeits)-Welt da draußen verzeiht immer weniger an schlechter Ausbildung.

D.h. wir, die Lehrer, befinden uns in einer Zwickmühle: geben wir nach und verlangen weniger, geht es den Kindern jetzt besser, dafür haben sie im späteren Leben wesentlich schlechtere Karten - und umgekehrt.

Wenn, dann wäre globales Umdenken notwendig! Die Werte, die im Moment hochgehalten werden, aber der Welt (und speziell Europa im Moment) solche Probleme bringen, müssen überdacht werden. Eine generelle Neuorientierung hin zu einer humaneren Gesellschaftsform abseits des Neoliberalismus ist mMn absolut notwendig.

Dana 09.12.2011 19:29

Ich empfinde den Brief als sehr polemisch und habe ihn jetzt auch nicht bis zum Ende gelesen.

Für mich würde etwas ganz anderes im Vordergrund stehen:

Die Frage, ob wirklich alle die, die aufs Gymnasium gehen, auch wirklich dafür geeignet sind.

"Kind, ohne Abi biste nix!"...da fängt es schon an. Dass für manche Kinder die Realschule besser wäre, sehen die Eltern nicht. Und schon tritt Überforderung ein, Stress, die Leistungsbereiche in den Gymnasien gehen dadurch auch nach unten, da ja alle Kinder mitkommen müssen...

Das ist nicht einfach nur mit "früher war alles so toll und jetzt machen wir alles kaputt, weil wir zu sehr nach China gucken!" abgetan.

Ich sehe das an meinen Klavierschülern. Die, die wirklich gymnasiumgeeignet sind, kommen mit G8 gut klar. Sie haben noch Zeit, jeden Tag zu üben, sie haben noch Zeit, sich mit Freunden zu treffen und Sport nachzugehen, weil sie nicht den ganzen Tag lernen müssen. Aber ich hatte auch schon Kinder, die bei mir am Klavier weinend zusammen gebrochen sind, weil sie dem Druck kaum standhalten konnten.

Es gibt nunmal verschiedene Kinder. Manche fassen sehr schnell auf, manche langsamer, manche sind sehr kopfgerichtet, andere sehr praktisch veranlagt...und genau so müsste man meiner Meinung nach das Schulsystem weiter ausbauen, dann gibt es auch keine solchen Überforderungen und solche Briefe sind nicht nötig. UND: man müsste weg vom Klassendenken. "Wie...du gehst NUR auf die Real???"...das ist einfach der falsche Weg, sowohl bei Eltern als auch bei Arbeitgebern. Früher gab es Berufe, die sogar die mittlere Reife bevorzugt haben, heute soll nur noch alles mit Abi gehen?

Wenn man da anfängt, mal zu schauen, was geändert werden könnte, macht man die Büchse der Pandora auf, hab ich so das Gefühl.

G8 ist sicher kein falscher Weg für die Kinder, die das packen - und das sind viele. Ich unterrichte viele Schüler, die auf dem Gymnasium sind und die meisten sind glückliche Kinder. Zwar ausgelastet, aber durchaus glücklich. Auch früher gab es schon solche Jahrgänge, die eine verkürzte Oberstufe hatten, mein Vater war in so einem. Auch er war schon in der 12. Klasse fertig und es hat ihm keineswegs geschadet.

Ein schwieriges Thema insgesamt, das sicher viel Bearbeitung bräuchte, um da richtig durchzublicken.

MajorTom123 09.12.2011 19:48

Hmm ... Also ich habe vor mittlerweile 13 Jahren das sächsische Abitur gemacht. Wir Sachsen hatten schon immer ein Abitur nach der 12. Klasse, und dabei schneiden wir in Vergleichen wie Pisa auf den vorderen Plätzen ab.

Ich könnte mich nicht beschweren, dass ich zu wenig Freizeit gehabt hätte.

ha_ru 09.12.2011 19:50

Hallo,

als Vater von zwei G8-Kindern melde ich mich mal hier auch zu Wort, den Artikel habe ich schon vor langer Zeit gelesen.

Das Problem ist nicht, ob man das Abi in 8 ioder 9 Jahren macht, das Problem ist, dass die Politik nicht genug Geld rausrückt, um die Schule sinnvoll zu organisieren.

Da wird die Kapazität der Schulhäuser so geplant, dass man von Montags 7:30 bis Freitags 17:00 die Schulstunden verteilen muss, um den Unterricht unterzubekommen, ganz schlimm im Sport.

Da werden Schülerströme so geleitet, dass bei uns in den Klassen 5 die Klassenstärke immer 30 oder mehr Schüler beträgt, nach oben nur wenig auf vielleicht 27-28 absinkt.

Da gibt es in BaWü faktisch ein Ganztagesgymnasium, die Mensa wird bei 1.300 Schülern aber nur für 200 Essen ausgelegt, gekocht wird von den Eltern.

Da wurde zu wenig Zeit in die Planung des Stoffes gesteckt mit dem Argument, das der Selbstverantwortung der Schulen zu überlassen. Nur haben weder die Stunden noch das KnowHow es zu organisieren. So kommt, dass meine Söhne bestimmte Zeitformen in Englisch durchnahmen, bevor sie in Deutsch behandelt werden. Mein jüngerer Sohn hatte in der Klasse 6 auf einmal englische Satzstellungen im Deutschaufsatz. Nun ja dafür hat er ja in Klass 3 mit Englsciuh angefangen. So kommt dass in Phyisk manche Themen zweimal angefangen werdenn müssen, weil zum Rechnen die mathematischen Grundlagen erst später kommen. So kommt, dass man um den Zeitdruck zu nehmen neue eingeführte Stunden wie Lerntechniken etc. wieder streicht, aber nicht den Stoff entrümpelt. Weil der Stoff des späteren landeseinheitlichen Abiturs muss ja am Ende durchgenommen sein

Da werden neue Fächer im Bereich Informatik eingeführt, aber keine Lehrer adäquat ausgebildet. Durch die zurückgehenden Schülerzahlen kommt eh zu wenig Auffrischung durch Junglehrer an die Schulen.

Da werden zum Teil 9-10 Schulstunden an einen Tag gepackt, dass aber nach spätestens 6 Stunden an dem Tag nichts zusätzlich aufgenommen werden kann ohne anderes zu verdrängen interessiert die Pädagogen keine Spur.

Die Fächer so anordnen, dass man Wissenfächer und Fächer wie Sport oder Musik an den richtigen Zeitpunkt am, Tag positioniert geht nicht, zu weing Räume, zu wenig Lehrer.

Manchmal habe ich den Eindruck, dass unsere Politiker gar nicht daran interessiert sind die Schule sinnvoll und stetig wieterzuentwicklen, sondern daran mit einen vorgegeben Budget auszukommen und im Ranking der Bundesländer nicht ganz hinten zu stehen.

Ob G8 oder G9 ist da eigentlich nebensächlich.

Hans

Crimson 09.12.2011 21:36

Moin,

Zitat:

Zitat von hpike (Beitrag 1259743)
Bei meinem Neffen ist es so, das er auch noch täglich mit dem Bus in die Stadt fahren muss und da der Bus alle 500m hält, braucht der für die 12km in die Stadt ne kleine Ewigkeit. Mittags die gleiche Strecke zurück, so das er keinen Nachmittag vor 14:15 zu Hause ist. Fallen dann noch irgendwelche zusätzlichen Veranstaltungen in der Schule statt, wirds auch regelmäßig 16Uhr. Dann noch Hausaufgaben, da bleibt nicht mehr sehr viel Zeit.

ja und? Mein Bus gring früher um 6:42 und zu Hause war ich 14:45 - wenn der Bus pünktlich war. Einige Kollegen waren pro Richtung 45min länger unterwegs. Hausaufgaben waren auch früher schon überbewertet, das muss man nur gescheit organisieren, außerdem ist so eine Busfahrt lang genug :oops:

Zitat:

Zitat von BeHo (Beitrag 1259748)
Es ist eine Kritik an der Auffassung mancher, die Kindheitszeit mit möglichst viel Berufsvorbereitung auszufüllen, und ein Aufruf dazu, Zeit auch "unnütz verplempern" zu dürfen.

diese Kritik ist auch mehr als berechtigt. Interessant übrigens, daß in den bis jetzt etwa 20 Berufsjahren die interessanten Figuren - die, die es zu was gebracht haben - immer die mit den Ecken im Lebenslauf sind. Warum die geraden Lebensläufe propagiert werden, kann man sich mal an vorhandenen Fingern abzählen ;)

Zitat:

Zitat von amateur (Beitrag 1259756)
Dann soll er doch seine Tochter genau davor bewahren. Hier ist Gelassenheit angesagt.

eben :top: Rückblick: wieviele Eltern drangen damals bei meiner Tochter auf Noten schon ab Klasse 1? 24 von 26 (Quote ähnlich) :shock:

Zitat:

Zitat von ha_ru (Beitrag 1259790)
das Problem ist, dass die Politik nicht genug Geld rausrückt, um die Schule sinnvoll zu organisieren.

kann man so formulieren, mein Wort wäre "Gesellschaft" anstelle von "Politik". Wir sind alle Teil davon. Wenn uns was nicht gefällt, können wir versuchen, es zu ändern... (ganz ernst gemeint).

Zitat:

Zitat von ha_ru (Beitrag 1259790)
Ob G8 oder G9 ist da eigentlich nebensächlich.

das ist soweit allerdings richtig. Nebenkriegsschauplatz zur genehmen Ablenkung ;)


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